UNNA LICHTKUNST BIENNALE


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Horst Münch

“Die Helle” entstand auch 1993: Auf einem Tisch ein Kasten, 61 x 83 x 85 cm, aus Gips, Holz, Eisen, Draht und Gewebe - ein Gehäuse mit einer runden Öffnung, in die man seinen Kopf stecken und sich so in die Skulptur begeben kann. Mit dem Kopf in dem Kasten hat man das Gefühl, seinen eigenen Schädel von innen zu betrachten. (Wieder fällt mir Georg Büchner ein, dessen Leonce so sehnlich wünscht, sich einmal selber auf den Kopf sehen zu können.) Von der Kastendecke ragt ein Glühbirnen­artiges Gebilde in den Hohlraum - “Die Helle”. Wohl nicht von ungefähr klingt das wie “Die Hölle”. Ist damit der Blick ins eigene Innere gemeint? 1987/1990 ist die in Bronze gegossene Doppelskulp­tur “Himmel und Hölle” datiert. Eine schüsselartige Form (80 x 130 x 95 cm) ist gefüllt mit mehreren kleinen Skulpturen, Miniaturversionen von Münchs Kunst-Welt, so wie sie bis 1987 gewachsen war (Entstehungsdatum des Gipsoriginals) - stereometri­sche Körper, Köpfe, eine stehende Figur. Dazu ge­hört eine leere Schale, 38×193x139cm, etwas unre­gelmäßig geformt und durch umlaufende Ringe strukturiert - Spuren der Töpferscheibe oder Zeichen des Saturn. Fülle und Leere, Himmel und Hölle, Eros und Thanatos - Kunst und Leben als Gegensatzpaar, unzertrennlich.

Horst Münch - 1951 in Nürnberg geboren, 1975 bis 1980 Schüler von Alfonso Hüppi an der Kunst­akademie Düsseldorf und seit 1982 in Köln ansässig - versucht die Balance zu halten zwischen Gegen­standslosigkeit und Realismus. Er gehört der Gene­ration an, die zum einen geprägt ist von Minimal-und Concept-art, einer Generation, für die der Strukturalismus, dessen Denk- und Ausdrucksformen, von wegweisender Bedeutung ist. Einer Generation, für die zum anderen der Realismus der achtziger Jahre in eine scheinbar geschlossene Kunstwelt ein­brach und eine Erweiterung der künstlerischen Mög­lichkeiten mit sich brachte. Miinch erlag nicht dem (kurzlebigen) Charme wilder Spontaneität, er ver­ließ nicht das bereits erreichte Reflexionsniveau, sondern nutzte den allgemeinen Umschwung der künstlerischen Großwetterlage für seine ganz per­sönliche Weiterentwicklung der Formen. Natürlich paßten die in keine Kategorie. (Was Münchs Ausstellungschancen nicht vergrößerte; kontinuier­lich kümmern sich um seine Arbeiten die Galerien Ricke/ Köln, Strelow/ Düsseldorf und Casini/ Paris. In der Pariser Galerie sowie im Carre des Arts, neben dem Schloß von Vincennes, geben zwei Ausstellun­gen noch bis in den November umfassende Ein­blicke in Münchs Arbeit.) 1980 sind die ersten figürlichen Zeichnungen ent­standen, ein “Eindringen der Figur in Zeichensyste­me, also Zeichen, die immer über sich hinausweisen und Welt bedeuten” (Münch). In einer Reihe von Bildern sind Figürliches und Zeichen als Zweiklang erhalten, der sich echoartig verstärkt. Die Skulptur “Figur und Rad” (1980/87) verdeutlicht das Prinzip,
das stets auch vom Betrachter verlangt, seine eigene Position zu finden. Eine menschenähnliche Form ist einem komplex strukturierten Kreisgebilde konfron­tiert - eine radikale Gegenüberstellung von “Ab­straktion und Einfühlung”. (Was Wilhelm Worringer in seiner berühmten Doktorarbeit zu Beginn unseres Jahrhunderts als kunsthistorisches Entwicklungssy­stem darlegte, erscheint in Münchs Arbeit als Stilprinzip.) Eine Annäherung ist möglich, indem man sich - wie offensichtlich die Figur - in das Gedankenlabyrinth vertieft. Oder, umgekehrt, in­dem man versucht, einer Idee über die gestalthafte Erscheinung näherzukommen. Im Spannungsraum zwischen den beiden Elementen entwickelt sich die gedachte Skulptur.

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